Gewalt gegen LGBTI

Mexiko / Mittelamerika: Behörden geben LGBTI-Flüchtlingen keinen Rückhalt

Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*- und Intersex Personen (LGBTI) aus dem gewaltbeherrschten El Salvador, Guatemala und Honduras sind einem hohen Sicherheitsrisiko ausgesetzt, da die Behörden in ihren Ländern sie nicht schützen. Sie müssen aus ihren Ländern fliehen und sind in Mexiko weiteren Gefahren ausgesetzt.

Bitte unterstützen Sie deshalb unsere Petitionen

an die mexikanische Regierung zum Schutz von queeren Geflüchteten aus Zentralamerika

an die Regierungen Zentralamerikas zum Schutz von LGBTI vor brutaler Gewalt

Weitere Informationen hierzu:

Ausweglos: Als Trans-Frau gefangen zwischen den Banden von El Salvador und dem Amerika von Präsident Trump
Von Josefina Salomon, Media Manager für Amerika bei Amnesty International, 15. Januar 2018

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Link zum Original (englisch) in der internationalen Website von Amnesty International

 

Der von Amnesty veröffentlichte Bericht „Nirgendwo in Sicherheit" (No Safe Place- Originalversion in englisch) enthüllt die gefährliche Reise von schwulen Männern und Transfrauen, die vor massiven Diskriminierungen und geschlechtsspezifischer Gewalt von kriminellen Banden und Sicherheitskräften in El Salvador, Guatemala und Honduras geflohen sind. Zudem wird den mexikanischen Behörden vorgeworfen, dass sie keinen Schutz vor Verletzungen und Misshandlungen bieten, auch werden die unerträglichen Missstände während der langen und systematischen Einwanderungshaft in den USA von "No Safe Place" aufgezeigt.

„Die Menschen werden in Mittelamerika aufgrund ihrer Geschlechtsidentität grausam diskriminiert und finden absolut nirgendwo Sicherheit“, sagte Erika Guevara-Rosas, Americas Direktorin bei Amnesty International. „Sie werden zu Hause terrorisiert und wenn sie Zuflucht im Ausland suchen, erleiden sie missbräuchliche Behandlungen. Sie gehören heute zu den verletzlichsten Flüchtlingen auf dem amerikanischen Kontinent. Die Tatsache, dass Mexiko und die USA der extremen Gewalt tatenlos zusehen, ist einfach kriminell.“

El Salvador, Guatemala und Honduras haben eine der höchsten Mordraten der Welt – nach offiziellen Angaben 81,2 pro 100.000 Einwohner in El Salvador, 58,9 in Honduras und 27,3 in Guatemala. Die meisten Flüchtlinge und Asylbewerber_innen, mit denen Amnesty International sprach, sagten, dass ständige Diskriminierung und das Ausmaß an Gewalt in ihren Ländern - einschließlich körperlicher Angriffe, Mord und Erpressung durch kriminelle Banden - ihnen keine andere Wahl als die Flucht ließen.

Durch das hohe Maß an Straflosigkeit und Korruption ist es unwahrscheinlich, dass die Behörden die Verantwortlichen für Verbrechen gegen LGBTI-Personen bestrafen, besonders wenn die Sicherheitskräfte für die Angriffe verantwortlich sind.
Nach Angaben der honduranischen Nichtregierungsorganisation Cattrachas wurden zwischen 2009 und 2017 insgesamt 264 LGBTI-Menschen im Land getötet. In den meisten Fällen wurden die Verantwortlichen nie vor Gericht gestellt.

Carlos aus Honduras musste nach Mexiko fliehen, nachdem er von einer kriminellen Gang angegriffen und mit dem Tod bedroht wurde, weil er schwul ist. Er sagte gegenüber Amnesty International: „Ich habe nie versucht, [die Übergriffe] zu melden, wegen dem, was einigen Freunden passiert ist. Nachdem ein Freund von mir eine Anzeige erstattet hatte, gingen diejenigen, die die Straftat begangen hatten, zu seinem Haus, um ihn zu holen. Deshalb ist er nach Mexiko geflohen. Ein anderer Freund wurde getötet, direkt nachdem er bei der Polizei war.“

Eine erschreckende Reise

Amnesty International fand in den dokumentierten Fällen heraus, dass die Brutalität, die Schwule und Transfrauen in Zentralamerika erleiden, nicht endet, nachdem sie ihre Länder verlassen haben. Die meisten der für den Bericht befragten Personen sagten, sie hätten weitere Diskriminierung und Gewalt erlitten, unter anderem durch Beamte in Mexiko, wo allgemein über ein hohes Maß an Gewalt gegen LGBTI berichtet wird. Viele sagten auch, dass sie sich im Land nicht sicher fühlten, da viele der kriminellen Banden, die sie zu Hause bedrohten, auch über die Südgrenze Mexikos hinweg operierten.

Nach einer Studie des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen haben zwei Drittel der LGBTI-Flüchtlinge aus Mittelamerika, die 2016 und 2017 befragt wurden, sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt in Mexiko erlebt.
Mehrere schwule Männer und Transfrauen sagten Amnesty International auch, dass sie nie richtig über ihre Rechte über die Beantragung von Asyl in Mexiko informiert wurden, obwohl sie nach einer Abschiebung extremer Gefahr ausgesetzt wären. Sie beklagten auch, dass die mexikanischen Behörden sie nicht über den Stand der Ermittlungen informierten, nachdem sie dortige Menschenrechtsverletzungen angezeigt hatten.

Carlos berichtete Amnesty International, dass Immigrationsbeamte in Mexiko ihn daran hindern wollten, einen Asylantrag zu stellen. Er hat schließlich dennoch Asyl beantragt und wartet immer noch auf eine Entscheidung.

Eine Reihe von Transfrauen, die es schafften, die gefährliche Reise durch Mexiko zu überstehen und die Grenze zu den USA zu überschreiten, beklagten sich über die Behandlung in der Haft. Andere wurden aus den USA und Mexiko abgeschoben und in ihre Länder zurückgeschickt – zurück in den Albtraum, dem sie verzweifelt entkommen wollten.

Cristel, eine 25-jährige Transfrau aus El Salvador, berichtete Amnesty International, dass sie nachdem sie im April 2017 die mexikanische Grenze zu den USA überschritten hatte, im Einwanderungslager in Einzelhaft gehalten wurde. Nach einer Woche wurde sie mit acht Männern in eine kleine Zelle gebracht. Cristel schaffte es schließlich nicht, Asyl zu bekommen und wurde nach El Salvador zurückgeschickt, wo kriminelle Banden sie weiterhin bedrohen. „Ich will nicht illegal sein. Ich möchte einfach nur leben und in Sicherheit sein“, sagte Cristel gegenüber Amnesty International.

„Je mehr die Behörden von El Salvador, Honduras, Guatemala, Mexiko und den USA dabei versagen, einige der am meisten gefährdeten Menschen auf dem amerikanischen Kontinent zu schützen, desto mehr Blut haben sie an ihren Händen“, sagte Erika Guevara-Rosas. „Diese Regierungen müssen dringend und entschlossen handeln, um die epidemische Gewalt gegen LGBTI-Menschen in der Region zu bekämpfen, und ihre Politik und Praktiken dahingehend verbessern, um sicherzustellen, dass alle, die internationalen Schutz benötigen, darauf zugreifen können.“

Werden Sie jetzt aktiv! Unterzeichnen Sie unsere Petition an die Regierungen Zentralamerikas:

an die mexikanische Regierung zum Schutz von queeren Geflüchteten aus Zentralamerika

an die Regierungen Zentralamerikas zum Schutz von LGBTI vor brutaler Gewalt

Unsere Forderungen:

  • Verabschiedung und Umsetzung von Präventions- und Sensibilisierungsmaßnahmen zur Förderung von Achtung der Rechte von LGBTI und Verhinderung aller Formen von Gewalt gegen sie; sowohl im häuslichen Bereich als auch in öffentlichen Einrichtungen.
  • Eine umfassende Untersuchung aller begangenen Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen an LGBTI mit dem Ziel, diese zu identifizieren, zu verfolgen und die Verantwortlichen zu bestrafen
  • Angemessene medizinische und psychologische Betreuung für LGBTI-Opfer von Gewalt
  • eine amtliche Aufzeichnung durch die verschiedenen Einrichtungen, die LGBTI-Opfer von Gewalt betreuen, mit einem Datenerfassungssystem, das eine geschlechtsspezifische Identität und/oder die sexuelle Ausrichtung von Personen berücksichtigt und die Gewalt analysiert, der sie ausgesetzt sind
  • Bessere Koordinierung zwischen den konsularischen Diensten im Ausland und den Aufnahmezentren in den Herkunftsländern, um Menschen mit Schutzbedürfnissen zu identifizieren und sicherzustellen, dass alle Wiedereingliederungs- und Schutzprogramme für deportierte Migranten die Rechte und spezifische Bedürfnisse von LGBTI-Personen berücksichtigen
  • Einschätzung des Risikos von LGBTI-Personen, die ausgewiesen oder zurückgeschickt wurden, so dass angesichts eines hohen Risikos ein beschleunigtes Asylverfahren in Drittländern für diese LGBTI aktiviert werden kann

 

Hintergrundinformationen

Nirgendwo in Sicherheit
AI-Index: AMR 01/7258/2017, November 2017

Download PDF-Dokument in deutsch
Link zum Original (englisch, spanisch) in der internationalen Website von Amnesty International

Am 10. Oktober 2017 verlieh Amnesty International den Martin Ennals-Preis für Menschenrechtsverteidiger u.a. an Karla Avelar, eine Transfrau in El Salvador, die die erste Selbsthilfe-Organisation für Transgender-Frauen COMCAVIS TRANS gegründet hat. Damit will Amnesty International auf die ständige und starke Gefährdung von LGBTI Personen in El Salvador aufmerksam machen.

Hier finden Sie die Biographie von Karla Avelar.

International Service for Human Rights: Human rights defender profile: Karla Avelar from El Salvador

Dieses Portrait über Karla Avelar (Video, spanisch, mit englischen und französischen Untertiteln) zeigt sehr deutlich, welchen Gefahren sich diese Menschen in El Salvador gegenübersehen:

Berichten zufolge musste Karla Avelar das Land verlassen und beantragte Asyl in Irland:
Trans activist from El Salvador seeks refuge in Ireland
WashingtonBlade, 23. Oktober 2017

Amnesty International hatte sich bereits im Jahr 2015 für Karla Avelar eingesetzt:

Als transsexuelle Frau in El Salvador: „Ich lebe in ständiger Angst“
Von Karla Avelar, transsexuelle Aktivistin und Leiterin des COMCAVVIS TRANS (Organisation, die sich für die Rechte von transsexuellen Frauen und von LGBTI in El Salvador einsetzt
30. Juli 2015

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Link zum spanischen Original in der internationalen Website von Amnesty International

 

Homosexuelle Handlungen sind in El Salvador legal. Das Schutzalter liegt einheitlich bei 18 Jahren. Ein Antidiskriminierungsgesetz zum Schutz der sexuellen Orientierung besteht auf nationaler Ebene. Es gibt weder eine Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Ehen noch sind Eingetragene Partnerschaften erlaubt. Parlamentarische Gesetzentwürfe ein verfassungsrechtliches Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe zu verankern, scheiterten in den letzten Jahren am Abstimmungsverhalten der größten Oppositionspartei FMLN.

Trotzdem gibt es in El Salvador anhaltend viel Gewalt gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* (LGBT). Dies wirkt sich auch auf diejenigen aus, die sich für das Recht auf Nicht-Diskriminierung wegen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität von LGBTI einsetzen. Sie werden selbst angegriffen, wie die am 31.05.15 in El Salvador ermordete Trans*-Aktivistin Francela Méndez. Francela war Mitglied des Vereins Colectivo Alejandría, eine Organisation, die sich den Menschenrechten von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und intersexuellen Menschen widmet. Sie war außerdem Teil des salvadorianischen Netzes von Menschenrechtsverteidiger_innen Red Salvadoreña de Defensoras de Derechos Humanos.

Am 8. Juni 2015 beantragte eine Gruppe von Abgeordneten des Parlamentes die Einführung von Strafverschärfungen für Tötungsdelikte und Todesdrohungen, in Anerkennung der Umstände, dass "Verbrechen auf Grund von Intoleranz und Hass, insbesondere gerichtet gegen Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Identität und deren Ausdruck [gender expression] oder der sexuellen Orientierung" strikt untersucht und bestraft werden müssen. Die Maßnahme würde die Strafe für Verbrechen erhöhen, die auf Grund diskriminierender Faktoren begangen wurden. Amnesty International fordert vom Staat El Salvador, die aktive und effektive Mitarbeit von LGBTI-Gruppen und von Organisationen beizubehalten, die sich für den Schutz und die Förderung ihrer Rechte bei der Diskussion der vorgeschlagenen Reformen einsetzen.

In Zentralamerika ist zur Zeit eine der größten und am wenigstens beachteten Fluchtbewegungen in Gang. Aufgrund der Gewaltsituationen in El Salvador, Honduras und Guatemala fliehen Menschen zu Tausenden in die angrenzenden Länder, insbesondere Mexiko. LGBTI-Gruppen sind hier besonderen Gefahren ausgesetzt. Weitere Informationen hierzu finden Sie in diesen Berichten von Amnesty International:

Vor neuen Mauern.
Verletzungen der Rechte von Asylsuchenden durch die USA und Mexiko
AI-Index: AMR 01/6426/2017, 15. Juni 2017

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Link zum Original (englisch / spanisch) in der internationalen Website von Amnesty International

Die Website https://facingwalls.org/ (englisch / spanisch) fasst diesen Bericht übersichtlich zusammen.

 

Home Sweet Home?
Honduras, Guatemala und El Salvador in einer ständig wachsenden Flüchtlingskrise

Bericht, 14. Oktober 2016
AI-Index: AMR 01/4865/2016

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Link zum Original (englisch, spanisch, französisch) in der internationalen Website von Amnesty International